

Diaprojektion
"Zeit ist keine Autobahn" - wie soll man diese Behauptung verstehen? Michael Sailstorfer lässt unter diesem Titel (2005/06) Autoreifen an der Wand laufen, ohne dass diese vorwärts kommen. Stattdessen reiben sie sich blank. Der Gummigestank füllt den gesamten Ausstellungsraum. Der Geruch wird Skulptur. Sailstorfers Definition von Zeit ist absurd - aber augen- und sinnfällig. Ähnlich einleuchtend ist, wenn er an einer Straße zwei Straßenlaternen gegenüberstellt, an deren Spitzen sich 90000 Volt knisternd entladen ("Elektrosex", 2005). So überlegt und poetisch Sailstorfer mit solchen Arbeiten auftritt so minimalistisch kann er sein, wenn er eine geometrische Form (die von Constantin Brancusi sein könnte) und Buchstaben aus Styropor (im Kunstvereinsheim wird auf Unterwasseraufnahmen das ganze Alphabet zu sehen sein) an einem Gewicht aus Beton im Meer versenkt und so - nicht nur - geografische Punkte markiert. "U6, 14 Grad 34,790 N / 60 Grad 50,969 W", eine Wand unter Wasser an einem solchen Punkt ist Land Art für Fische - nicht für Kunsttheoretiker. Denn es geht ihm dabei sowohl um das Konzept als auch um das tatsächliche Tun und das Objekt. Sailstorfer ist Bildhauer und vor allem "ein Wiederentdecker des Sentiments", so Max Hollein.
Michael Sailstorfer, 1979 in Velden/Vils geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste München und am Goldsmiths College, University of London. Er war Meisterschüler bei Prof. Olaf Metzel. Michael Sailstorfer lebt und arbeitet in Berlin.